Artikel und Texte

du Zeitschrift für Kultur

Nummer 11/12, Dezember 2004, Januar 2005 

Das Land der Menschen 

 Von Juli Zeh
 ILLUSTRATION: WULF ASCHENBORN

1. KAPITEL «MancheSachen kann man nicht erzwingen, Robs», sagte die Mutter. Sie stand im Wohnzimmer vor dem Bügelbrett. Der Fernseher lief, und von Zeit zu Zeit stellte sie das Bügeleisen ab, um eine besonders interessante Stelle auf dem Bildschirm zu verfolgen.

«Guck doch mal», rief die Mutter, «Hawaii!»
Auf dem Bildschirm waren ein weisser Strand mit Palmen und das Meer zu sehen.
«Da ist es immer Sommer», sagte die Mutter, «und hier ist nur das Bügeleisen warm!»
«Ich finde es viel zu warm! Es soll endlich Winter werden.»
«Nicht jeder ist so ein Schneemann wie du», sagte die Mutter.
Sie zeigte auf das dicke Buch, das auf der Couch lag. «Schau dir doch noch ein bisschen die Pinguine an», sagte sie.
«Pinguine!» rief Robs empört. «Das ist ein Buch über den Nordpol. Pinguine leben nur am Südpol.»
Er warf sich auf die Couch und schlug das Buch auf. Seine Lieblingsgeschichte darin handelte von einem Eskimomädchen, das von seinem Vater einen jungen Schlittenhund geschenkt bekommt und ihn selbst erziehen darf. Der Hund soll ein ganzes Gespann führen, wenn er gross ist. Zusammen geraten sie in einen schrecklichen Sturm, der über das Inlandeis fegt und die Möwen wie Papierschnitzel durch die Luft wirbelt. Sie verlieren sich im Sturm und müssen eine schwierige Suche bestehen, bis sie einander wiederhaben.
«Mama, liest du mir die Geschichte mit dem Hund vor?» fragte Robs. «Ach, Robs, du siehst doch, dass ich noch arbeiten muss», sagte die Mutter.
Mit einem lauten Knall schlug Robs das Buch zu. Er rutschte von der Couch und ging mit gesenktem Kopf aus dem Zimmer.
Beim Abendessen hatte er keinen Hunger.
«Glaubst du, dass es an Weihnachten schneit?» fragte er. «Bestimmt», sagte die Mutter. «Bestimmt schneit es an Weihnachten.»
«Letztes Jahr fing es schon in der Woche vor Weihnachten an», sagte Robs.
Er konnte sich sehr gut daran erinnern, letztes Jahr lag am dritten Advent eine dicke Schneeschicht auf der Strasse.
«Ich könnte sogar im Schnee übernachten», überlegte Robs, «wie in einem riesigen weissen Bett.» Er schaute auf die regennassen Fensterscheiben. «Aber es gibt ja gar keinen», sagte er traurig.


2. KAPITEL Drei Tage später hatte es immer noch nicht geschneit. Robs sass allein auf seinem Bett, drückte Nellie, seinen kleinen Stoffhund an die Brust und erzählte ihm leise von Grönland.
«Die Eskimos nennen es «Das Land der Menschen», sagte er. «Wenn wir gross sind, ziehen wir dorthin. Du wirst viele Freunde haben, und wenn du willst, kannst du auch einen kleinen Schlitten ziehen.»
Als es draussen dämmerte schlief er ein. Im Traum sah er ein Mädchen mit traurigem Gesicht. Er erkannte sie sofort. Es war das Mädchen aus seinem Buch, das Mädchen, das den Hund verloren hatte. Sie weinte.
«Was hast du denn?» fragte Robs.
«Eine Katastrophe», schluchzte sie. «Du musst mir helfen.»
«Was soll ich tun?» fragte Robs schnell. Aber sie war schon verschwunden. An der Stelle, wo sie gestanden hatte, lagen ein paar Schneeflocken, die sofort schmolzen.
Am nächsten Morgen war Robs gut gelaunt. Er ging auch nicht ins Wohnzimmer, um aus dem Fenster zu schauen. Er wusste ohnehin, dass es nicht geschneit hatte. Die Mutter freute sich und versprach ihm beim Frühstück, heute etwas eher aus dem Büro nach Hause zu kommen und mit ihm ins Schwimmbad zu gehen. Robs mochte das warme Wasser im Schwimmbad nicht und wollte lieber eislaufen, sagte aber nichts. Er bat um ein zweites Pausenbrot.
Als sie ihm im Flur mit den Knöpfen an der Jacke geholfen hatte und ihn zum Abschied küssen wollte, sagte Robs, dass er noch seine Schultasche holen müsse, und rannte in sein Zimmer. Er stopfte Handschuhe, Schal und Mütze in seinen Ranzen und Nellie in seine Jackentasche. Die Pausenbrote schob er in die andere Tasche, dann lief er zurück in den Flur und verabschiedete sich von der Mutter.
Im Treppenhaus fing Robs an zu rennen. Er wusste, dass seine Mutter am Wohnzimmerfenster stand und ihm nachschaute. Deshalb schlug er den Weg zur Schule ein. Aber als sie ihn nicht mehr sehen konnte, rannte er los und bog vom Schulweg ab. Die Bücher im Ranzen hüpften und klapperten bei jedem Schritt.

3. KAPITEL Erst als er den Rand des Parks erreicht hatte hörte Robs auf zu rennen. Beim Fluss hielt er an und überlegte, in welche Richtung er gehen sollte. Bisher hatte er sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wo er das Mädchen suchen musste. Er hatte es sich ganz einfach vorgestellt. Er war sicher, sie irgendwo zu treffen. Jetzt stand er am Fluss und schaute nach rechts und links. Er nahm Nellie aus der Jackentasche, damit er sich Umsehen konnte.
«Wohin gehen wir zuerst?» fragte Robs. Nellie guckte nach links, und Robs fand, dass links eine gute Idee war.
Nach einer Weile wurden zu beiden Seiten des Ufers die Bäume dichter. Robs kannte die Gegend nicht mehr. Er holte Nellie aus der Jackentasche und trug ihn auf dem Arm. Das Wasser war so trübe und floss so langsam. dass es ihn traurig machte.
Robs hatte keine Uhr und wusste nicht, wie lange er gegangen war, als der Pfad das Flussufer verliess und in den Wald einbog. An der Biegung stand eine Bank. Robs setzte sich hin und überlegte. Er beschloss, ein Brot zu essen und danach weiterzulaufen. Das Brot schmeckte ausgezeichnet, und er merkte, wie hungrig er war. Dann stand Robs auf und folgte dem Pfad in den Wald hinein.
An der ersten Wegkreuzung ging er nach rechts. Er wollte sich jede Kreuzung einprägen, damit er später die gleiche Strecke zurückfinden konnte. An der nächsten Kreuzung ging er links und dann wieder rechts, immer in die Richtung, in die Nellie gerade schaute. Noch einmal bog er links ab, und dann ging es nur noch geradeaus. Es kreuzten keine Wege mehr. Robs hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie lange er schon unterwegs war.
Da strich ihm plötzlich ein kalter Wind über das Gesicht. Jemand lachte. Robs richtete sich auf. Ein paar Meter vor ihm auf dem Weg stand ein Mädchen.
Und sie lachte ihn aus.

4. KAPITEL Robs drückte Nellie an sich und schaute das Mädchen an. Sie war genauso gross wie er. Ihre Haare waren tiefschwarz und hingen ihr zu Zöpfen geflochten über die Schultern. Die Zöpfe kamen unter einer seltsamen Mütze hervor, die aus dickem braunem Leder war und an den Seiten lange Klappen hatte, bis über die Ohren. Anstatt eines Pullovers trug das Mädchen ein weisses Fell um den Leib und über eine Schulter gewickelt, und anstelle einer Hose trug sie einen Schurz aus abgeschabtem Leder. Die Beine darunter waren nackt und steckten in dicken Stiefeln aus Fell, die ihr fast bis zum Knie reichten. Es war die Kleidung der Eskimos. Sie kam näher, und er sah, dass sie Schlitzaugen hatte und ihre Haut dunkel war. Ein bisschen sah sie aus wie eine Indianerin.
«Warum lachst du?»
«Mein Volk lacht immer», sagte sie. «Das ist ein Zeichen von Freundschaft.» Sie lachte noch lauter. Es war ansteckend, und Robs stimmte ein.
Als sie fertig gelacht hatten, fiel ihm auf, wie kalt es plötzlich war.
«Gut, dass du gekommen bist», sagte das Mädchen, «ich brauche Hilfe.»
«Ich weiss», sagte Robs. «Du hast deinen Hund verloren.»
Das Mädchen blickte ihn verwundert an.
«Wieso?» fragte sie. «Meinen Hund habe ich gar nicht dabei. Der ist zu Hause und wartet auf mich. Ich bin allein hier.»
«Du hast nicht deinen Hund verloren?» fragte Robs.
«Nein. Wie kommst du darauf?»
«Es steht in meinem Buch», sagte Robs.
«Du hast ein Buch über mich?»
Ihre Augen wurden immer grösser.
«Ja…», sagte Robs, «ich weiss nicht.» Er kam sich albern vor. Plötzlich war er nicht mehr sicher, ob sie wirklich ein Eskimo war. «Ich habe ein Buch mit einer Geschichte, in der ein Mädchen ihren Hund verliert und ihn lange nicht finden kann. Ich dachte, du wärst das gewesen.»
Das Mädchen lachte.
«Bücher sind schön» sagte sie, «aber sie haben nicht immer recht. Komm, gehen wir hier entlang.»
Sie zog Robs mit sich. Er war froh, dass sie sich in Bewegung setzten. Ihm wurde kälter und kälter.
«Wie heisst du denn?» fragte das Mädchen.
«Robs», sagte Robs.
«Ich heisse Nittaalaq», sagte das Mädchen.
«Wie bitte?» fragte Robs.
«Es bedeutet «Einzige Schneeflocke>». sagte sie. «Du kannst Nitta zu mir sagen.»
«Du heisst Schneeflocke», murmelte Robs, «wie schön.»
«Und wie heisst dein Hund?» fragte Nitta.
«Nellie? Er heisst Nellie», sagte Robs und hielt Neliie so, dass sie ihn streicheln konnte.
«Er ist süss», sagte Nitta. «Mein Hund fehlt mir sehr.»
«Ist er in Grönland?» fragte Robs vorsichtig,
«Du weisst, dass ich aus Grönland komme?»
«Das sehe ich an deiner Kleidung», sagte Robs.
«Weisst du auch, wie wir Grönland nennen?»
«Ihr nennt es «Land der Menschen.»
«Stimmt», sagte Nitta, «Kalaait Nunaat, Land der Menschen. Du weisst viel darüber.»
«O ja», sagte Robs, «ich will später auch dort leben. Wo gehen wir denn hin?»
«Zu mir», sagte Nitta,«Ich habe eine Hütte im Wald. Es ist sehr kalt dort. Frierst du leicht?»
«Ich friere überhaupt nicht leicht. Ausserdem habe ich alles dabei: Handschuhe, Schal und Mütze.»
«Das ist sehr klug von dir.»
Robs freute sich über das Kompliment.
«Wenn du mir helfen willst», sagte Nitta, «musst du wissen, warum ich hier bin. Es
ist eine längere Geschichte. Willst du sie hören?»
Robs nickte schnell. Er war sehr neugierig.

5. KAPITEL «Sie beginnt in einer Zeit, als meine Familie noch nicht in Grönland lebte. Das war vor mehr als zehntausend Jahren. Es ist eine sehr alte Familie. Und sie stammt aus dieser Gegend hier.»
«Von genau hier?» fragte Robs erstaunt,
«Ja», sagte Nitta, «aber du darfst dir die Gegend nicht so vor stellen, wie sie jetzt ist. Die Stadt und den Wald hier – das alles gab es damals nicht. Das ganze Land lag unter einer dicken Eisschicht. Das Eis war noch viel dicker, als die Bäume hoch sind, es schmolz das ganze Jahr über nicht. Es war immer kalt, es gab keinen Sommer. Die Menschen lebten in Häusern, die sie aus Eis gebaut hatten, und sie ernährten sich von den Tieren, die auch auf dem Eis überleben konnten. So lebt meine Familie heute noch. Die Männer gehen auf die Jagd nach Seehunden und Fischen, die Frauen bauen die Häuser, nähen Kleider aus den Häuten der Tiere und bereiten das Essen.
Lange Zeit waren alle zufrieden mit diesem Leben. Doch eines Tages kamen Wanderer aus dem Süden in die Gegend. Sie froren, weil ihre Kleider zu dünn waren, nur aus Fäden gewebt. Und ihre Schuhe schlossen die Füsse nicht ein.
Als sie bei meiner Familie, den Eismenschen, ankamen, wurden sie freundlich aufgenommen. Man brachte sie in die Eishäuser, in denen es immer warm ist, und gab ihnen zu essen. Als sie sich erholt hatten, schauten sie sich die Gebräuche der Eismenschen an und lernten, wie man überlebt.
Doch vielen von ihnen gefiel es nicht im Eis. Sie begannen von ihrer Heimat zu erzählen. Sie erzählten von der Sonne, die dort nicht blass war, sondern leuchtend und heiss. Sie erzählten von Wäldern, Bergen und Seen, von Blumen und von der feuchten, duftenden Erde, Viele der Eismenschen hörten zu. Sie hatten noch nie Erde gesehen, denn hier war diese immer unter dem Eis eingesperrt, und sie wussten nicht, was eine Pflanze ist. An Tieren kannten sie nur Eisbären, Polarfüchse und Robben. Sie glaubten, dass die Südländer von einer Zauberwelt erzählten. Ein grosser Teil der Eismenschen bekam Sehnsucht nach diesem Leben.»
«Ich mag Eis und Schnee», sagte Robs. «Ich hätte den Südländern gar nicht zu gehört.»
«So ging es auch dem anderen, kleineren Teil der Eismenschen. Sie waren Menschen, die das Eis liebten. Sie trugen es im Herzen und wollten es gegen nichts eintauschen. So wie du», sagte sie und sah Robs von der Seite an. «und so wie ich.»
Robs lächelte geschmeichelt. Er wusste jetzt, dass Nitta zu ihm gekommen war, weil er die Kälte liebte wie sie selbst.
«Es kam zum Streit», sagte Nitta. «Immer mehr von den Eismenschen hatten die Kälte satt, sie riefen das ganze Volk auf, in den Süden zu ziehen. Und plötzlich hassten sie alle, die weiter im Eis leben wollten. Sie nannten sie «Die Kalten», und sich selbst nannten sie «Die Warmen». Eine schlimme Zeit brach an. Es gab Kämpfe, und die Warmen waren in der Überzahl und trieben die Kalten immer weiter in den Norden hinauf. Die Kalten nahmen das Eis in ihren Herzen und den Winter mit sich. Schliesslich bauten sie sich Schiffe und flohen noch weiter nördlich über das Meer, bis in die Gebiete des allertiefsten Winters, wohin niemand sie verfolgen wollte.
Seitdem ist die Zeit des Eises hier vorbei. Niemand, der hier geboren ist, kann sich noch daran erinnern, aber tief in den Seelen gibt es eine kleine Ecke, die noch von der Kälte träumt und vom Schnee und von Sonnenstrahlen, die sich im kristallklaren Eis brechen zu bunten Lichtfontänen. In den Herzen tragen alle Menschen hier noch einen winzigen Klumpen vom ewigen Eis. Und so verspüren sie immer eine Sehnsucht nach dem Weiss, der Sauberkeit und der Stille. Keiner versteht diese Sehnsucht, aber jeder kennt sie. Und deshalb muss es Winter werden jedes Jahr, damit das kleine Stück Erinnerung zum Leben erwachen kann und die Menschen glücklich sind.»

6. KAPITEL «Jetzt weisst du, warum es Winter werden muss», sagte sie. «Aber du weisst noch nicht, wie der Winter gemacht wird. Niemand hier weiss es. Und darum braucht ihr uns.»
Robs blieb stehen und staunte,
«Soll das heissen, ihr macht den Winter?» fragte er.
«Um genau zu sein», sagte sie, «hier in dieser Gegend mache ich ihn. Die Erwachsenen haben ihre Pflichten im ewigen Eis. Sie müssen die Familien ernähren und das Eis bewahren. Deshalb schicken sie jedes Jahr die Kinder in den Süden, jedes in eine andere Region.»
Eine Weile gingen sie schweigend. Nitta überlegte.
«Also», sagte sie schliesslich. «Ich habe dir ja gesagt, dass mein Volk das Eis auf seiner Flucht mit sich genommen hat. Wir tragen es im Herzen. Viel mehr weiss ich auch nicht darüber. Ich komme einfach her, und alles, was ich tun muss, ist schlafen...», ihre Stimme wurde immer leiser, «...und von zu Hause träumen.»
Plötzlich drehte sie den Kopf weg, und Robs hörte, wie sie schluckte und schniefte. Er dachte, sie würde weinen, aber als sie ihm das Gesicht wieder zuwandte, waren ihre Augen trocken. Nur sehr ernst sah sie aus.
«Im Schlaf muss ich die weiten Eisebenen sehen», sagte sie, «auf denen die von innen beleuchteten Eishäuser glühen, ich muss von den Eismenschen träumen, wie sie Feuer machen aus Seehundfett, und von den schlingernden grünen Fahnen der Polarlichter über ihren Köpfen. Ich muss sogar den Tran der Wale riechen im Traum, und dann, während ich schlafe, wird es kälter und kälter, es fängt an zu schneien, und der Winter ist da. Dann kann ich zurückkehren. Die Kälte reicht mindestens für ein paar Wochen.»
Robs merkte, dass sein Mund offen stand, und er klappte ihn zu.
«Ein einziger Traum reicht für ein paar Wochen Winter bei uns?» fragte er erstaunt.
Nitta nickte.
«Und diesmal?» fragte er vorsichtig.
Sie schwieg eine Weile.
«Ich bin schon seit zwei Wochen hier!» sagte sie verzweifelt. «Und ich habe kein einziges Mal von zu Hause geträumt!»
«Woran liegt denn das?» fragte er.
«Ich weiss nicht», sagte sie. «Dieses Jahr stinkt in meiner Hütte irgendwie alles nach Lack. Vielleicht stört mich das. Ich schlafe schlecht.»
«Vielleicht hat der Förster sie frisch angestrichen», sagte Robs.
Sie hob ihr kleines Gesicht und sah ihm direkt in die Augen. «Du musst mir helfen. Ich habe solches Heimweh.»
Robs hätte sie gerne in den Arm genommen und geschaukelt, so wie seine Mutter es mit ihm machte, wenn er traurig war. Langsam nahm er ihre Hand in seine. Hand in Hand gingen sie den Weg entlang und sprachen nicht mehr. Robs überlegte angestrengt, was zu tun war.

7. KAPITEL Es dauerte nicht lange, bis sie auf einer Lichtung standen. Der Wald öffnete sich und gab eine kleine Wiese frei. Die Grashalme schimmerten weiss, und Robs sah, dass sie überfroren waren. Am Rand der Wiese stand eine Hütte aus Holz. Sie war so klein und schäbig, dass man sie auch für einen Unterstand für Tiere halten konnte.
«Willkommen bei mir», sagte Nitta. Die Hütte hatte eine feste Tür und ein einziges Fenster. «Es ist nicht sehr einladend, oder?» fragte Nitta.
Robs zuckte die Schultern. «Macht mir nichts aus», sagte er.
Sie stiess die Tür auf und liess ihn eintreten. Es war stockdunkel, und Robs blieb still stehen, um sich nicht zu stossen. Es roch tatsächlich intensiv nach Lack. Er hörte Nitta mit einem Gegenstand hantieren. Steine schlugen aufeinander, ein Funke leuchtete, und im gleichen Augenblick flammte ein Licht auf. Er sah nur ein Bett und einen Tisch. «Setz dich doch», sagte Nitta und deutete auf das Bett.
Robs schaute zu, wie Nitta ihre Mütze abnahm und in eine Kiste neben der Tür legte.
«Möchtest du auch was essen?» fragte sie. «Ich habe alles dabei.»
Robs war sehr hungrig. Nitta nahm ein Bündel grauer Stangen aus der Kiste und legte sie auf den Tisch. Robs erkannte, dass es dünne, getrocknete Fische waren. Nitta setzte sich neben ihn auf das Bett.
«Ich habe selbst etwas mit», sagte Robs. Er war froh, dass er sich das zweite Pausenbrot aufgespart hatte.
Nitta biss in einen Fisch, und er ass sein Käsebrot. Dann wandte Nitta ihm das Gesicht zu. «Ich lege mich jetzt hin», flüsterte sie.
Robs nickte und schluckte. Er half ihr, die hohen Fellstiefel von den Füssen zu ziehen.
Sie streckte sich auf dem Bett aus. Es gab kein Kissen und nichts, um sich zuzudecken. Robs blieb auf der Bettkante sitzen und sah zu ihr hinunter. Sie hatte den Kopf in die Armbeuge gebettet.
«Schöne Träume wünsche ich», flüsterte er.
Er strich ihr behutsam über die kalte Stirn, und sie schloss die Augen. Er hörte, wie sie Luft holte, immer langsamer und immer tiefer, und ihr Gesicht sah hell und friedlich aus. Die Schatten wanderten ruhig darüber hinweg.
Robs nahm Nellie auf den Schoss.
«Riechst du's noch?» fragte er ihn leise.
Sie schnupperten in die Luft. Obwohl Robs sich langsam daran gewöhnte, war der Lackgeruch immer noch deutlich zu spüren. Nellie auf seinen Knien schaute immer zur Kiste in der Ecke hinüber. Da fiel Robs etwas ein.
«Gute Idee!» flüsterte er. Vorsichtig schlich er durch den kleinen Raum und nahm die Ledermütze aus der Kiste. Er schnupperte an der Mütze und spürte einen kleinen Freudenstich im Bauch. Es waren Gerüche nach Seehund, nach Fischen und Meerwasser darin. Auch spürte er das schwache Aroma von frisch gefallenem Schnee und dazu den etwas muffigen Geruch von Handschuhen, die mit Eiswasser getränkt sind. Wenn die Kälte einen Geruch hat, dachte er, dann diesen.
Er legte die Mütze vor Nittas Gesicht, so dass sie fast ihre Nase berührte. Dann setzte er sich zurecht, und fing leise an von Grönland zu erzählen.
Robs beschrieb die Kajaks der Eismenschen, mit denen sie zum Fischen hinausfuhren, er liess Wassertropfen aufsprühen, jedesmal, wenn sie einen Fisch herauszogen und in das Boot warfen.
Ein leichtes Lächeln breitete sich über Nittas Gesicht aus. Behutsam streichelte Robs mit seinen dicken Handschuhen über ihre Finger. Er war froh und traurig zugleich, denn er wusste, dass sie jetzt träumte und bald zurückkehren würde in das ewige Eis.

8. KAPITEL Als Robs erwachte, fand er sich nicht zurecht. Er blinzelte, ein Sonnenstrahl traf auf sein Gesicht und blendete ihn.
Mühsam richtete er sich auf. Sein Rücken schmerzte. Seine Arme und Beine waren taub, sein Gesicht war richtig eingefroren und die Nase lief. Er erkannte sein Zimmer. Das Fenster stand sperrangelweit offen, es war eiskalt im Raum.
Er sprang sofort auf, stampfte mit den Füssen und schlug die Hände zusammen. Langsam kam etwas Wärme in seine Glieder zurück. Er trat ans Fenster.
Der Garten lag unter einer Schneedecke. Die Äste des Apfelbaums bogen sich unter ihrer Last, und von Zeit zu Zeit geriet eine Handvoll Schnee ins Rutschen und rieselte herunter. Feine Flocken waren überall in der Luft. Der Wind trug sie von den Baumwipfeln und wirbelte sie vom Boden auf.
Robs rannte hinunter in den Garten. Dort bückte er sich und belud seine Arme mit Schnee, um ihn in die Luft zu werfen und auf sich herunterrieseln zu lassen. Doch mit einem Mal war seine Fröhlichkeit wie weggeblasen. Nur wenige Handbreit von ihm entfernt lief eine Spur an der Gartenmauer entlang und aus demTor hinaus. Es war eine Spur kleiner Schritte in dicken Stiefeln. Robs folgte Nittas Fussstapfen bis zur Mitte des Vorgartens. Dort stand in grossen Buchstaben in den Schnee geschrieben: LIEBER ROBS, AUF WIEDERSEHEN, DEINE NITTA.
Robs hätte sich am liebsten Nittas Schneebrief als Erinnerung aufgehoben, aber er wusste, dass das nicht ging. Schneeflocken landeten auf seinem Handschuh, und er betrachtete das filigrane Gewebe aus winzigen Kristallen. Er fand es unendlich schön. Jede Flocke war ein kleiner Gruss von Nitta aus dem Land der Menschen.

du 752